Zorn und Hader
[1981]

Haben. Du willst nur haben.
Doch willst du nichts geschenkt,
willst nichts geborgt,
ja nicht einmal gekauft,
noch gegen anderes getauscht!
Und selbst zu säen,
bist du viel zu rastlos.

Doch willst du haben.
Alles - und sofort.
Liebe, Macht und Anerkennung -
ohne Demut, ohne jede Einsicht,
dass das Werden einen Ursprung hat
und in der folgenden Vernetzung erst
den Weg, die Reife und die Ernte.

Mir ist es nicht anheimgestellt,
dich zu belehren. Allein die Deutung
unserer Begriffe ist zu unterschiedlich.
Du nennst dein Sehnen und Wünschen
„Utopie“ - phantastisch und unerreichbar.
Und immer haderst du dabei
mit dem unliebsamen Schicksal.

Ich nenne mein Traumbild „Ideal“.
Auch das ist nicht realisierbar.
Doch lebe ich ihm! - Trugbild? Mag sein,
denn das Ideal ist der Wirklichkeit
ebenso fern wie die Utopie.
Aber das Streben danach
ist hoffnungsstark und zielesetzend!

Erfolg sich anzumaßen, ist ein
kleinliches Geschäft mit dem Trotz.
Erfolg ist kein Produkt, kein Resultat,
ja ist in Wahrheit nicht einmal ein Lohn.
Er ist - ganz wie das Leben selbst -
die Kraft, die sich reproduziert.
Erfolg ist kein Ziel, er ist ein Weg.

Und niemals ist ein Erfolg gewiss!
Sicher ist nur, er ist kein Zustand,
den man erzeugen oder arrangieren kann.
Man muss ihn leben, ihn atmen,
ihn werden lassen und - ihm dienen!
Du forderst Lorbeerkränze?
Du vergeudest dich in Zorn und Hader.


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